Hütten und Paläste
Der Oberbürgermeister Walter Hoffmann hat für die von der US-Armee verlassene Lincoln-Siedlung und die Cambrai-Fritsch-Kaserne (eine "neue kleine Stadt") den Namen Büchner-Viertel vorgeschlagen. Während wir dafür sind, den Namen von Abraham Lincoln zu bewahren, können wir für die Kaserne den Vorschlag voll unterstützen. Die Nazis ließen ihre Wehrmacht im März 1936 vertragswidrig in das entmilitarisierte Rheinland einmarschieren, so auch in Darmstadt. Unmittelbar danach begannen sie, für den "Hauptwaffenplatz des Westens" neue Kasernen in die Wälder zu holzen, darunter die Cambrai- und die Freiherr von Fritsch-Kaserne. Die belgische Stadt Cambrai stand für eine Schlacht im Jahre 1917 und war vorübergehend Hauptquartier des unseligen Hindenburg. Werner von Fritsch wurde unter den Nazis 1935 Oberbefehlshaber des Heeres. Sicherlich wegen seiner Bedenken gegen die Kriegspläne wurde er fälschlich der Homosexualität bezichtigt und abgesetzt. Wir halten die Namen von Leichenfeldern und Feldherren nicht für würdig, die zivile Umnutzung des militärischen Areals zu überdauern.
Der Schriftsteller und Revolutionär Georg Büchner (1813-1837) kannte wohl schon in seiner Darmstädter Jugend den Slogan "Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!" Während seiner Gießener Studentenzeit übersetzte er ihn im Hessischen Landboten in die Parole "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", mit der die hessische Bevölkerung zur Revolution gegen die Unterdrückung aufgerufen wurde. Da ging es durchaus nicht um reine Verfassungsfragen, sondern um jährlich über sechs Millionen Gulden Steuern und Abgaben, für die die Einwohner des Großherzogtums Hessen "schwitzen, stöhnen und hungern" mussten. Für Büchner waren Machtverhältnisse Fragen der Besitzverhältnisse, hinter politischen Fragen standen soziale Fragen. Wahrlich ein passender Name, eine ehemalige Kaserne mit Hütten für die Bedürftigen zu nutzen. Denn immerhin warten in Darmstadt 2000 Haushalte, etwa 5000 Menschen auf eine bezahlbare Wohnung.
