Oberbürgermeister entdeckt Speck
In der Stadtverordnetenversammlung am 18.12.2008 stand die Diskussion und Verabschiedung des städtischen Haushalts für das Jahr 2009 auf der Tagesordnung. Die finanzielle Situation der Stadt ist wie bekannt angespannt. Das Wort "Sparen" machte öfter die Runde - man werde sich in Zukunft von Leistungen verabschieden müssen, die nicht zum Kernbereich städtischer Aufgaben gehören. Wie dieser "Kernbereich städtischer Aufgaben" zu definieren ist, blieb allerdings im Dunkeln.
Oberbürgermeister Walter Hoffmann meldete sich zum Schluss der Haushaltsdebatte mit einer tollen Erkenntnis zu Wort. Darmstadt habe "viel Speck angesetzt in bestimmten Bereichen." <freundlicherweise?> hat der OB auch gleich die Definition von "Speck" mitgeliefert. "Welche Stadt in der Republik leistet sich noch eine Schule, die pharmazeutisch-technische Ausbildung betreibt?" (wir berichteten in der letzten Ausgabe). Kein einziger Auszubildender werde von der Stadt beschäftigt, nur acht Prozent der Auszubildenden kämen aus Darmstadt.
Eine interessante Rechnung - wenn man sie als Maßstab an andere städtische Projekte anlegt. Es wäre interessant zu erfahren, wie viel Prozent der Nutzer des "Darmstadtiums" Darmstädter Bürgerinnen und Bürger sind. Das sieht der OB aber anders, trotz Millionenzuschuss für die Betriebskosten: "(...) Draußen wird das aus meiner Sicht heraus in großen Teilen der Bevölkerung schon anders gesehen, da fängt man langsam schon an auch stolz darauf zu werden, dass meine Stadt eine solche Schachtel hat." Warum ist er nicht stolz auf die Möglichkeit einer kostengünstigen, für viele mit wenig im Geldbeutel unerlässliche Ausbildungsmöglichkeit. Und alle, die diese Sichtweise kritisieren sind laut Walter Hoffmann nur am "jammern, sind depressiv und klagen und meckern".</freundlicherweise?>
Realität
Die Realität ist eine andere. Für Walter Hoffmann und die politische Klasse, der er angehört, haben Prestigeobjekte oberste Priorität. Sie sind der Inbegriff ihres städtischen Leitbildes. Alles andere ist Speck. Soziale Probleme werden als lästiges Beiwerk wahrgenommen oder werden verdrängt. "Wir sind eine starke Stadt, eine wirtschaftlich starke Stadt, ich sage dies mal an dieser Stelle, weil einige das Gefühl haben, wir befinden uns in irgendwelchen Slums oder Hinterlandsquartieren..."
Unsere Meinung:
Was also tun gegen Speck? Da hilft nur eine ordentliche Diät - für Walter Hoffmann und die politische Klasse Darmstadts. Gelegenheiten werden sich eröffnen - parlamentarisch und außerparlamentarisch.
