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"Aber ohne Empathie sind wir tatsächlich nichts"

Ayla Kara

Rede zum links-bunten Sommerfest

Ganz lange hat man den Menschen eingeredet, dass Tiere keine Schmerzen empfinden würden. Und ganz lange haben sie es geglaubt. Dabei kann jedes Kinderherz fühlen, wenn es dem eigenen Hund nicht gut geht. Und noch bis heute gibt es Menschen, die Tieren die eigenen Emotionen und Gefühle absprechen.

Kühe haben eine beste Freundin und leiden, wenn man sie von ihr trennt oder es ihr schlecht geht. Auch das eigene Kind entrissen zu bekommen, ist mit unvorstellbarem Leid für die Tiere verbunden.

Tauben haben einen Liebespartner, zu dem sie über Hunderte Kilometer zurück fliegen, um wieder vereint zu sein.

Gänse leben in matriarchalen Familien und bleiben mit ihrem Partner ein Leben lang zusammen.

Hummeln sind friedliche Wildbienen, die in sozialen Staaten zusammen leben und sich von Pollen und Nektar ernähren.

Wir Menschen haben verlernt, Mitgefühl zu empfinden. Es wurde uns regelrecht aberzogen.
Im Kapitalismus, in dem wir nunmal leben, ist wohl kein Platz dafür.

Kühe werden in der Milchproduktion immer wieder von ihren Kindern getrennt, damit sie die Kälber nicht mit der Milch füttern, die am Ende in unserem Supermarkt verkauft werden soll.

Tauben werden für Sportzwecke von ihrem Partner getrennt, in Laster gezwängt und Hunderte Kilometer durchs Lands gekarrt - nur um zu messen, wer die schnellste Taube besitzt. Einige schaffen es nicht zurück und landen dann bei uns und schließen sich hier einem Schwarm an.

Gänse werden jetzt auch in Darmstadt geschossen, weil die Badegäste sich an dem Gänsedreck stören. Dabei werden Familien voneinander getrennt und möglicherweise Küken und Eltern und Liebespartner entzweit.

Hummeln werden in ihrer Verzweiflung, Pollen in der Stadt zu finden, von gut riechenden Lindenbäumen angelockt und finden dort aber keine Nahrung. Deshalb findet man zur Sommerzeit unzählige Hummeln tot auf dem Boden in der Nähe von Lindenbäumen.

Man könnte über jede einzelne Tierart eine Geschichte erzählen, in der wir als Menschen in ihr Leben eingreifen und es verschlechtern.

Uns wird beigebracht, dass wir die Welt nach unseren Bedürfnissen anpassen. Aber wer sind wir, dass wir entscheiden dürfen, wer wo wie leben darf?

Kein Mitgefühl gegenüber Tieren geht einher mit keinem Mitgefühl gegenüber Menschen.

Tauben-Retterinnen, die kranke Tiere anfüttern, um sie einzufangen, werden beleidigt, bedroht und manchmal sogar angespuckt. Weil Menschen glauben, dass sie die Taubenpopulation anfeuern würden. Dabei sind sie diejenigen, die sie reduzieren.

Was mich wirklich nochmal neu schockiert hat, waren die ganzen Hass-Kommentare unter Meldungen zu dem Anschlag auf den CSD Berlin. Während ich noch Angst hatte, dass Freunden was passiert sein könnte, haben andere ihre dunkelste Seite in den Kommentaren gezeigt.

Auch im Alltag merkt man nur wenig Mitgefühl untereinander. Obdachlos lebende Menschen am Lui, mit deren Schicksal niemand tauschen wollen würde, werden belegt mit einem Bettelverbot, damit sich die Menschen nicht gestört fühlen. Dabei sind das genauso Menschen wie hier auf diesem Sommerfest. Eine Dame stand letztens am Willy-Brandt-Platz und wusste nicht, wie sie weiter kommt. Ich konnte ihr nicht helfen, aber ein Mann, der kurz vorher noch nach etwas Kleingeld gefragt hatte, wusste wo sie nachschauen kann. Die Frau hat sich bedankt und er hat mich voller Stolz angelächelt.

Um Mitgefühl fühlen zu können, müssen wir aufmerksam durch diese Welt gehen. Während wir beschäftigt sind, Musik-Konzernen wie Spotify im Bus unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken, steht vielleicht neben dir eine ältere Person, die sich gerne setzen würde, sich aber nicht traut zu fragen. Der obdachlos lebende Mensch am Lui, dem du gerade 50 Cent gegeben hast, würde gerne gefragt werden, wie er heißt und als Mensch wahrgenommen werden. Insekten freuen sich über ein paar Blumen und eine Bienentränke auf deinem Balkon. Und die Kühe würden sich sehr freuen, wenn du Hafermilch in deinen Kaffee tun würdest.

Kapitalismus fördert eine egozentrische Weltsicht ohne Rücksicht auf Umwelt und Mitmenschen.
Elon Musk hat gesagt: «Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie.»

Aber ohne Empathie sind wir tatsächlich nichts.

Ich habe noch ein Zitat für euch: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in Barbarei verfällt“ von Hannah Ahrendt.

Thasim Durgun hat in seinem Podcast von einem Erlebnis erzählt, was die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung extrem gut zeigt: Ein deutscher Nachbar, mit dem seine kurdische Familie vor zehn Jahren noch gemeinsam im Garten gesessen hat, lief verächtlich an diesem Garten vorbei und sagte sowas wie: “Da sitzen sie wieder im Türkenhaus.” Diese Situation zeigt, wie Menschen, die vor einigen Jahren noch aufgeschlossene Mitmenschen waren, jetzt nur noch Hass in ihren Herzen tragen.

Wir laufen in eine wirklich gefährliche Richtung und wir haben nur uns, um uns dem in den Weg zustellen.

Wir müssen als Gesellschaft den Zugang zum Mitgefühl wieder finden. Lasst uns alle hinschauen, mal einen Ohrstöpsel raus nehmen oder das Handy ganz weglegen, aufmerksam sein und mitfühlen!

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